DAS WETTER VON MORGEN

DAS WETTER VON MORGEN / TOMORROW´S WEATHER



Wie sind wir Teil einer demokratischen Ordnung? Wie gestalten wir Gesellschaft? Wie richten wir uns aus in einer vernetzten Welt, die alles gleichzeitig nebeneinanderstellt? Wie setzen wir unsere Filter ein, um nicht dauerhaft überwältigt, aber so informiert zu sein, dass wir an politischen Prozessen partizipieren können? Nachrichten bieten ihrer Bezeichnung nach Inhalte an, nach denen sich die Konsument:innen ausrichten können. Öffentlich-rechtliche Formate wie die Tagesschau verpflichten sich laut Pressekodex der Wahrung der Menschenwürde und der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit. Wie lässt sich Wahrheit definieren und in welcher Form über sie berichten? Die Arbeit DAS WETTER VON MORGEN verdichtet die verfügbaren 20:00 Uhr-Tagesschauen der letzten 12 Jahre und schaut auf ein streng ritualisiertes, seit 1952 ausgestrahltes Nachrichtenformat, dass zunehmend von Teilen der Gesellschaft als Lügenpresse stigmatisiert wird. Die Tagesschau baut täglich ein Gerüst aus Schlagzeilen, dass in durchschnittlich 15 Minuten über die zeitaktuellen Ereignisse informiert. Krise, Kriege, Katastrophen, Wahlen, der Sport und das Wetter von morgen.

DAS WETTER VON MORGEN

 

Videoinstallation, 2023

30.36min im Loop

32-Zoll-Monitore, Schwenkarme,

Stühle, Kopfhörer



REVIEW OSTSEEBIENNALE

Rostocker Kunsthalle

2023-2024



Monitor_I spielt alle verfügbaren Tagesschauen von 2011
bis 2023 zeitgleich aus. Sicht- und hörbar werden so Erzähl-
muster, beginnend mit dem ritualisierten Glockenschlag und
der Ansage: Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der
Tagesschau. Die meisten der 3600 Nachrichtensendungen
dauern ca 15 min und enden mit den Sportnachrichten und
der Wettervorhersage. So ist es möglich am Ende der Tonspur

zu lauschen und zu zu hören.

Monitor_II bildet von allen auf Monitor_I eingefügten Tages-
schauen jeweils die erste Schlagzeile ab. Diese gilt als die
Wesentlichste und nimmt häufig auch den meisten Erzähl-
raum ein. Ausgewählt und als am wichtigsten bewertet wird
diese von der Redaktion. 

Meine farbliche Untermalung bildet die Kleidungsfarbe der
Nachrichtensprecher*innen ab.

REVIEW OSTSEE-BIENNALE _ der demokatische Raum [ART Conference 19.01.-21.01.2024]

Ramona Seyfarth: „Das Wetter von morgen“ - vom Kunstschaffen im demokratischen Raum


[Aktionsrahmen: in einem handgebundenem Buch bitte ich alle Teilnehmenden ihre Spuren, Striche, Punkte zu hinterlassen. Wenn ihnen eine Seite nicht genügt, ihrer Zeichnung so viel Platz zu geben wie nötig. Aktion schafft Hingabe. (dedication)]


DEDICATED , Still " Sag bitte Bescheid, wenn das Wetter anfängt."So oder ähnlich erinnere ich die abendliche Routine und den Auftrag meiner Oma und/oder meiner Mutter an denjenigen, der bereits vor dem Fernseher saß. Die Frauen meiner Familie wollten möglichst große Planbarkeit in Bezug auf das Wetter. Diese für so wichtig bewerteten Informationen, waren und sind das Ende jeder deutschen Nachrichtensendung.


Das Wetter ist, herrscht, verspricht, schlägt um, setzt ein, hält sich, lässt zu, braut sich, zieht sich zusammen, bricht los, entlädt sich, tobt.

Mächtige Zuschreibungen, die von einem besonderem Abhängigkeitsverhältnis zeugen. Das Wetter ist der Zustand der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, der in Gestalt von Sonnenschein, Regen, Wind, Wärme, Kälte, Bewölkung o. Ä. in Erscheinung tritt .


Zu wissen wie das Wetter wird, war und ist eine feste Größe um vorbereitet zu sein a) auf das Wetter und b) auf die Gespräche rund um das Wetter. Oft schauten wir als Kinder die Nachrichten mit, einfach um Fernsehen zu gucken. Das Wetter wurde vor allem in den Wintermonaten zum Hoffnungsträger. Sprach die Vorhersage von Schnee und Glätte für morgen, gingen wir mit der Vorfreude ins Bett, dass möglicherweise der Schulbus am kommenden Morgen nicht käme und wir frei wären. Das passierte tatsächlich drei Mal in 12 Jahren.


Heute durchsuche ich die Nachrichten immer noch nach dem Prinzip Hoffnung. Hoffnung, dass Kriege beendet werden. Hoffnung, dass Nahrungsmittel dorthin verteilt werden, wo Hunger herrscht. Hoffnung, dass nicht weitere Menschen ertrinken, bei dem Versuch ihr Leben zu retten. Hoffnung auf weltbildende Ideen, die neue Denk- und Aktionsräume möglich machen.


Wie wird wo über was wie oft berichtet? Über welche Ereignisse, welche Orte, welche Zusammenhänge erfahre ich nichts? Warum? Das Unsichtbare formt meine Fragen mit.


Dank der digitalen Medien ist es möglich die Nachrichtensendungen global nebeneinander zu betrachten. Ein Puzzle, dass nicht zu lösen ist, weil die Teile ständig morphen. Jede(r) baut sich auf unterschiedlichen Ebenen sein Informationsnetz zusammen. Wir können so über die Ereignisse und das Wetter auf der ganzen Welt informiert sein . (Hochwasser in Pakistan, Waldbrände in Australien, Trockenheit im Südsudan etc) . Grenzen lösen sich auf diese Weise scheinbar auf. Alles wird gespeichert. Wir können uns Jahre von Informationen im Zeitraffer anschauen. Aber können wir auch auf Pause drücken? Anhalten und versuchen zu verstehen. Das Internet hat sich als eine Art Paralleluniversum in unsere Wirklichkeit eingebaut.


Wenn ich mich im Treppenhaus oder im Viertel mit den Nachbarn unterhalte , treten Grenzen brachial wieder in Erscheinung. Dann ist es auch möglich, dass Worte wie Lügenpresse fallen , als eine Art Widerstand glaube ich, und Klima und Wetter häufig gleichgesetzt verwendet werden. Da reiben sich Gefühle und Gedanken und Wissen aneinander und formen Beziehungen. In diesen verbalen und nonverbalen Begegnungen gestaltet sich eine kleine Einheit von unmittelbarem demokratischem Raum. In ihm handeln wir aus wie wir aufeinander reagieren. Worüber wir reden und worüber wir nicht sprechen können zu glauben. Die Kunst wirkt dabei oft wie ein Überraschungsmoment. Sie ist eine Superkraft, die alle Form annehmen kann. Sie übersetzt. Nachbarn beobachten einander. Sie bemerken, wenn du keinen „normalen“ Arbeitszeiten nachgehst und fragen sich, was für merkwürdige Dinge du so hoch und runter in den 6. Stock trägst. Sie nehmen deine Post an. Und manchmal lassen sie ihre Haustür einen Spalt weit offen stehen, bis du an ihnen vorbeigehst und rufen dir dann hinter her: „Ich hab´s gesehen.“ In diesem Fall die täglichen regionalen Nachrichten, in denen gelegentlich auch über Ausstellungen berichtet wird. Der Kontext, in dem der Nachbar mich also dort gesehen hat, hat ihm Einsicht geschenkt in etwas, was er vorher nicht verstanden hat, wonach er nicht gewusst hätte zu fragen. Mir schenkt sie ein Lächeln von einem Mann, der zuvor maximal mit dem Kopf nickte, wenn ich ihm einen schönen Tag wünschte.


Die Kunst öffnet mir Türen, durch die ich ohne sie aus ökonomischen oder sozialen Gründen nicht gehen könnte.


Mein Privileg ist es, in einem sehr großen Raum unterwegs sein zu dürfen. Mit einem deutschen Pass geboren, kann ich ziemlich einfach über die meisten Grenzen reisen. Als lesbische Frau ist es für mich trotzdem eine Notwendigkeit vor meiner Reise zu verstehen wie es um gleiche Rechte für Frauen und queere Menschen steht. Wie ist es für Menschen ohne meine Privilegien?


Ich schaue auf das Netz und versuche die Gefüge zu lesen. „In Gefügen entwickeln sich Muster absichtsloser Koordination. Um solche Muster wahrnehmen zu können, muss man das Zusammenspiel zeitlicher Rhythmen und Größenordnungen in den sich ansammelnden, divergierenden Lebensweisen beobachten.“(S.35 Der Pilz am Ende der Welt) Was erkennen wir, wenn wir bewusst auf die Ränderschauen?


Reisend durch die Welt zu gehen, ermöglicht es ein System von Bezugspunkten zu haben, indem Gewohnheiten veränderbar sind, indem Ambivalenzen gut aufgefangen werden, indem Solidarität als eine Währung gilt.


Solidarität als Währung?


Alles wird in Beziehung gedacht.

Begegnungen werden zu Ereignissen.


Wenn es schneit, und eisig kalt ist, besucht mich die Hoffnung aufs Frei sein. Wie auf einem leeren Stück Papier denke ich, dass sich unsere Welt neu gestalten ließe.




DAS WETTER VON MORGEN installiert 2024 Ursula Walter Galerie, Dresden "Salon 7_entsprechend"